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Die Straße

Salzstraße und Heerweg

Krummesse lag bis ins 19. Jahrhundert hinein an einer der wichtigsten Straßenverbindungen Norddeutschlands. Neben der Hauptverbindung zwischen Lübeck und Hamburg führte auch die Alte Salzstraße von Lübeck nach Lüneburg hier durch.

Hier wurde im Jahre 1342 oder kurz zuvor ein Wagenzug beraubt und dabei Lübecker Bürgern und Gästen für 500 Mark Gut genommen. Hans. U.-B. 2, Nr. 725.

Dieser bedeutenden Lage war sich auch schon Herzog Franz II von Sachsen Lauenburg bewusst und beschloss deshalb, hier am 24. Mai 1583 eine Zollstelle anzulegen. Die Lübecker, welche sich dieser Neuerung, wovon sie den größten Nachtheil zu besorgen hatten, nicht unterwerfen wolten, schickten unverzüglich (25.5.) Zimmerleute und Bedeckung verschiedener Reuter, die von dem Stadthauptmann angeführet wurden, dahin, und ließen den neuen Schlagbaum in Stücken hauen, die Pfähle wieder heraus reissen, und den Platz wieder eben machen. Als solches geschehen, mußte auf Herzogs Franz Befehl der Stadthauptmann zu Ratzeburg in der folgenden Nacht mit dem beym Rothenhause befindlichen Lübeckischen Schlagbaum, obgleich solcher lange Jahre bereits gestanden hatte, eben also verfahren.

Die Lübecker verboten darauf alle Verbindungen mit dem Lauenburgischen, zum großen Nachtheile der Bauern des Herzogthums; als diese sich darüber beim Herzoge beschwerten und vorstellten, daß es ihnen unter diesen Umständen unmöglich sey, ferner Hofdienste zu leisten, soll der Herzog ihnen geantwortet haben, wer nicht mit Pferden zu Hofe dienen könne, müsse mit Ochsen oder Kühen kommen, oder solle den Pflug selbst ziehen.

1591 Die Erbitterung wurde inzwischen von beiden Seiten gesteigert; Lübeckischen Unterthanen wurde, bei Wahrnehmung des Jagdrechts bei Grönau, das Korn im Felde niedergetreten; die Lübecker rächten sich dagegen, indem sie um Pfingsten 1592 mit 36 Pferden und mehreren Wagen auf den Kornfeldern in den herzoglichen Gütern umher jagen ließen.

Am 17. August 1595 ließ Herzog Franz in seinem ganzen Lande die Zufuhr nach Lübeck verbieten.

Und wie das Ganze schließlich enden wird, wissen wir ja: s. Schreckensnacht

Umständliche Geschichte der kaiserlichen und des heyligen Römischen Reiches freyen Stadt Lübeck Bd. 2; Geschichte und Landesbeschreibung des Herzogtums Lauenburg, Band 3, Kobbe Altona 1836

 

Um einen Eindruck davon zu bekommen, was so alles auf dieser Straße los war und was an den Krummessern so vorüberzog, hier ein paar Beispiele:

Auf seiner Reise zum Konzil nach Ferrara und Florenz durchfuhr der Moskauer Metropolit Isidor 1438 Krummesse von Lübeck kommend nach Mölln.

 

28. August 1533 kam der Lübecker Bürgermeister Nicolaus Brömse zurück aus seinem selbstgewählten Exil. Er ritt in Begleitung von zwei Edelleuten und Deputierten der Städte Köln und Bremen über Krummesse nach Lübeck und wurde von einer ihm entgegenkommenden großen Schar von Bürgern mit 150 Pferden empfangen.

1609 Zerstörung des Krummesser Schlagbaumes durch die Lübecker ( s. Bericht Waßmuth von Schacke auf Borstorf über das Geschehen (LASH Abt. 210 Nr. 553)).

Im Jahre 1602 reisten braunschweigische Gesandte von Lüneburg nach Lübeck über Schnakenbek, Mölln und Crumesse, 1603 über Artlenburg, Mölln und Crumesse. Die nächste Durchgangsstation war das Kirchdorf Gr.Berkenthin,wo seit dem Jahre 1240 ein vorübergehend eingerichteter Handelsweg nach Hamburg sich abzweigte.

Am 3. Juni 1607 wurde der neue Möllner Stadthauptmann Johann Spangenberg in sein Amt eingführt. Aus diesem Anlass zog ein großer Tross an Militär, Bediensteten, Bürgern und dazugehörigen Frauen, angeführt  vom Stadthauptmann selbst  in Ritterrüstung durch Krummesse auf dem Weg nach Mölln: "Do wy wischen dem Bome (=Krummesser Baum) unde Crumesse kemen, dankeden der borger, so tho perde weren, en deel aff sampth etliken wagen."

Aber natürlich zogen nicht nur hohe Persönlichkeiten durchs Dorf, sondern neben den Frachtwagen auch große Viehherden:

1698/99 StraffgelderDen 4ten April. Hanß Jürgen Lüermann von Hannover, welcher sich zu Crumeß geweigert, das Wegegeldt für seine 582 stück durchgetriebenen Ochsen zu geben, hat deßfals das doppelte Wegegeldt zur Straffe erlegen müßen mit 24,12

Siehe dazu auch die Beschwerde des Lübecker Rates zur Erhebung von Ochsenzoll in Krummesse von 1673

LAS Abt. 210 Nr. 1893

Cuno von Hoffmann war ein Schwiegersohn des Lorenz von Calben auf Mori und verheiratet mit Emerentia von Calben. Dieser in Kriegsangelegenheiten erfahrene Mann, wir befinden uns ja schließlich mitten im 30-jährigen Krieg, hatte Mitte Januar 1631 des nachts mit etlichen Reitern lübsche Kaufleute auf der Landstraße zwischen Krummesse und Berkenthin überfallen. Die Kaufleute verprügelt, verletzt und ihnen Waren im Wert von 70 Reichstalern abgenommen. Die Kaufleute klagten vorm Lübecker Rat, besonders brisant, da doch die von Calben auch Ratsangehörige waren. Trotz Intervention der Familie wurde Hoffmann zum Tode verurteilt. Er wurde am 1. Mai 1632 im Marstall um 4 Uhr morgens mit dem Schwert hingerichtet.

 

1675 wird der Hamburg - Lübecker Frachtweg über Bliestorf und Kastorf geführt. D.h. dass die Stecknitz jetzt schon in Krummesse überquert wurde und nicht erst in Berkenthin, wie die Jahrhunderte davor.

Mitte des 17. Jahrhunderts läßt der dänische König den Wegezoll in Oldesloe an der wichtigen Hamburg-Lübecker-Landstraße erhöhen. Das hat zur Folge, dass die Frachtfahrer und Kaufleute  eine alternative Strecke über Trittau nach Hamburg wählen. Die alte Heerstraße die über Krummesse, Berkenthin, Nusse, Koberg, Trittau, Rahlstedt, Wandsbek nach Hamburg führte. Doch diese Strecke ließ sich noch optimieren.

So vereinbart der Lübecker Rat 1676 mit Thomas von Wickede, Gutsbesitzer von Kastorf und Bliestorf, dass der Hamburg-Lübecker Frachtweg von Krummesse kommend jetzt über seine Güter Bliestorf und Kastorf geführt werden darf. Der Weg wurde dadurch um 1 Meile (7,5 Kilometer) kürzer und die Fuhrleute nutzten diese Erlaubnis gern.


Diese neue Strecke war natürlich dem jetzt starken Verkehr mit schweren Fuhrwerken nicht gewachsen. So musste auch für hinlängliche Breite des Weges, 20 Fuß (5,75 Meter) und für Fahrbarkeit desselben gesorgt werden. Ersteres konnte nur durch Verhandlung mit den Gutsbesitzern geschehen, die den Grund und Boden dazu abgeben mußten, und es gelang nicht ohne Schwierigkeit. Für die Instandhaltung des Weges war der Lübecker Rat zuständig. Es geschah zunächst auf die damals übliche Weise durch Ausfüllung der entstandenen Löcher mit Sand, Holzwerk und Gesträuch. Aber das genügte nur immer für kurze Zeit, die Klagen der Fuhrleute, dass es sogar gefährlich sei, die Wege zu fahren, wiederholten sich immer. Der Lübecker Rat entschloss sich daher, einen Steindamm anzulegen (s. dazu Bliestorfer Flur "Steindammkaten"). Der Weg wurde nun zwar holperig, aber doch fest und sicher. Der enormen Kosten wegen fing der Rat 1696 an, in Kastorf (Kastorfer Zoll) ein Wegegeld zu erheben. Ein großer Frachtwagen musste 12 Schilling, ein kleiner 8 Schilling bezahlen, ein anderer mit 4 Pferden bespannter Wagen 4 Schilling u.s.f. (s. Wegegeldrolle). Die Fuhrleute hatten ihr Einverständnis schon vorher erklärt und bezahlten gern. Der Wegezoll wurde hier bis 1878 erhoben.

1698/99 Wegegeldt zu Crumeß: Der Zöllner zu Friedeburg Jochim Tiede, an Eingenommenen Wegegeldt zu Crumeß ... dem Fürstl. Ambte eingeliefert, Laut Friedeburger Monaht Zettull 14,22

1700 Die Landstraße wird mit Lagen von Eichenbohlen gefestigt.

IX. Wird der Stadt Lübeck der freye Gebrauch des Hamburger Postweges durch Crumesse, Blystorf und Castorf, sowohl für die Post, als andere Fracht- und Nebenfuhren zugestanden; und wollen Ihro Königl. Majestät diesen Steindamm, so weit der selbe durch Dero Gebiet gehet, in gutem Stande unterhalten. Gleich denn auch die Stadt Lübeck mit dem ihr verbleibenden Antheil zu thun erbötig ist. Von dem Wegegelde aber erheben Ihro Königl. Majestät drey Viertel, und die Stadt Lübeck verhätnismäßig ein Viertel; und soll dieses Wegegeld von keinem Theil erhöhet werden.

aus Hauptvergleich von 1747

1747 baten die lauenburgischen Krummesser Bauern das Amt in Ratzeburg um Abhilfe, da der neue "Baum" der Lübecker an der Stecknitz ihnen das Tränken des Viehs unmöglich machte. Hierzu wurden die Krummesser Christian Stau, Hans Scharbau und Stoffer Clempau in vernommen. Diese sagten aus: zwischen dem Steindamm bis zur Stecknitz sei ein Baum mit Riegeln gemacht, damit niemand dem Zoll vorbeireiten kann. Die lauenburgischen Bauern des Dorfes können nun ihr Vieh nicht wie vorher tränken. Wenn die Stecknitz groß wäre, stünden Pfähle und Riegel des Baumes im Wasser.

LASH Abt. 210 Nr. 2540

1821: Von Hamburg aus bietet der Weg wenig Mannigfaltigkeit dar, er geht einförmig durch Dörfer und zwischen Feldern. Nur einige Holzungen gewähren zuweilen Abwechslung des Anblicks. Desto lebhafter aber machen ihn die überall sich begegnenden Fuhren und Frachtwagen. Ungefähr drei Stunden von Lübeck, an der Gränze des zwischen uns und Lauenburg getheilten Kirchdorfes Crumesse, in dessen Mitte eine Brücke über die Steknitz führt, betritt man das Gebiet der Stadt. Langweilig ist der Sandweg von hier bis an den Crumesser Baum, wofür nur die Blicke über die sich schlängelnden Windungen des Flüßchens, und die Umgebungen von Wiesen und Holzungen an seinen Ufern, einigermaßen entschädigen. Um jenen zu vermeiden, wählt man häufig für leichte Wagen einen Nebenweg am andern Ufer über den Crumesser Hof und Cronsforde. Beide Straßen vereinigen sich wieder bei dem erwähnten Baume, wo noch vor wenigen Jahren ein hoher Thurm stand, aus dessen Oeffnungen dünne Kanonen, als Vertheidiger des Weichbildes, hervorblickten.

 

Aus Ansichten der freien Hansestadt Lübeck und ihrer Umgebungen. von Heinrich Christian Zietz, Prediger an der Aegidien Kirche Lübeck, 1821

 

Um die Hamburger Landstraße weiter zu optimieren begann man 1828 mit dem Bau der neuen Chausse vom Krummesser Baum über Kronsforde schnurgerade an die Bliestorfer Grenze. 1834 war der Bau vollendet und so lag Krummesse nunmehr abseits des wichtigen Verkehrsweges.

Das Transitzollamt in Krummesse wird am 1. Januar 1847 von der Dänischen Regierung in Kopenhagen aufgehoben.

 

Die bedeutsame Transitlage mag auch eine Erklärung für die ungewöhnlich hohe Anzahl an Krügen in Krummesse gewesen sein.

Literatur:

Die Krummesser Landstraße / Lübecker Heimathefte 5/6, Verlag Charles Coleman, Lübeck 1927, S. 66 ff

Wegegeldrolle.jpg
Karte 1827 Ausschnitt
1688: Entfernung in Stunden
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