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Amerikanische Spionagezentrale

im Krummesser Moor 

von Hannelore Verwiebe

 

Da mag so mancher Krummesser verständnislos den Kopf schütteln, aber es ist wahr. Krummesse war Teil eines umfangreichen amerikanischen Spionagenetzes in Zeiten des kalten Krieges. Unmöglich? Nie was davon gehört? 

 

Nun, die Älteren unter uns werden wissen worum es geht, und unmöglich scheint Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts fast gar nichts zu sein. Es ist die Zeit der ersten Entspannung. Die englischen Besatzungstruppen ziehen sich am 23. Oktober 1954 aus Schleswig - Holstein und somit auch aus Krummesse zurück. Das Land atmet auf und fängt wieder an zu leben. Doch der Schein trügt. In der am 7. Oktober 1949 gegründeten Deutschen Demokratischen Republik (DDR bzw. SBZ= Sowjetisch besetzte Zone) sowie bei den Westmächten beginnt in den 1950er Jahren ein kräftiges Aufrüsten. Entlang der Demarkationslinie, bei uns vom östlichen Wakenitzufer bis zum Priwall, standen sich nun die Großmächte feindlich gegenüber. Es ist die Zeit des „Cold War“, des kalten Krieges. Jeder will jetzt die Bewegungen des Anderen kontrollieren und genau wissen, was die Gegenseite plant, wo sich deren Truppen befinden und wohin sie sich bewegen. Die Amerikaner setzen dazu ihren am 15. September 1945 gegründeten Geheimdienst der US-Armee ein. Der Hauptsitz der Army Security Agency (ASA) befindet sich zu der Zeit in Arlington Hill und besitzt ein weltumspannendes Netz von kleinen und großen „Dependancen“. Aufgabe der ASA ist der Empfang und die Auswertung des feindlichen Funkverkehrs. 

Das Personal besteht aus Soldaten, die sich im Aufnahmetest als überdurchschnittlich intelligent gezeigt haben. Sie erhalten eine Ausbildung in der deutschen, russischen und polnischen Sprache und werden dann nach dem erfolgreichen Abschluss nach Westdeutschland abgeordnet.

Für das Gebiet von der Ostsee bis Süddeutschland und von der holländischen Grenze bis an die Grenze der DDR ist das 319. ASA Bataillon mit der Zentrale in der Rothwesten – Kaserne in Kassel zuständig. 

Für den ASA sind nun Lübeck und Krummesse Standorte, die aufgrund ihrer Nähe zur Demarkationsgrenze besonders geeignet sind. So ist die Lübecker Einheit des 319. ASA Bataillon „B“ zweigeteilt.

Das „The Site Areal I“ befindet sich im nördlichen Bereich des späteren Verkehrsübungsplatzes, abgehend von der Blankenseer Straße. 

Im 2. Weltkrieg war hier ein Flugzeug – Abstellplatz.  Wie in der Abbildung 1. ersichtlich, besteht dieser umzäunte und bewachte Bereich aus Funk – und Abhöranlagen, Wellblechhütten, Container und Koffer – LKWs.

 „The Site Areal II“ ist im Krummesser Moor. Ein Standort, der wegen seiner Bodenbeschaffenheit ausgewählt wurde. Der moorige Untergrund steigert auf Grund des hohen Grundwasserstandes die Leistung von Sender und Empfangsanlagen. 

Die Lage im Moor lässt sich heute noch leicht nachvollziehen. Wenn wir gedanklich einmal den damals unbefestigten Krummesser Moorweg bis zu dem links abzweigenden Verbindungsweg Richtung Langenfelde folgen, stoßen wir nach wenigen Metern auf einen großen Richtwagen und einige Masten. Ein, manchmal zwei Jeeps sind zu sehen und hin und wieder amerikanische Soldaten. Das Gelände ist jedoch nicht abgesperrt.  Holzplanken, beziehungsweise Metallschienen ermöglichen das Befahren des Moores und bieten dem Richtwagen einen sicheren Halt. 

 Dave Black, einer der Lauscher von einst, mit dem ich Kontakt aufnehmen konnte beschrieb mir seine Zeit im Krummesser Moor so: 

„Ich war noch keine 20 Jahre als ich 1959 nach Lübeck kam. Mein Einsatzgebiet war das Krummesser Moor. Die Stille, die uns dort umgab gefiel uns. Noch heute sagen wir schmunzelnd, wir waren von Kühen umgeben. 

Im Moor gab es mit dem Untergrund keine Probleme, dort hatten wir stabile Unterlagen. Ins Moor zu kommen war jedoch manchmal sehr schwierig. Die Straße dorthin war noch nicht befestigt. Nach einem Regenguss war sie so matschig, dass wir uns mit dem Jeep festfuhren und zu Fuß weitergehen mussten. Obwohl unsere Station mit drei Mann besetzt sein sollte, waren wir meistens nur zu zweit. In der Regel bedeutete es, dass wir drei Schichten a. acht Stunden unseren Dienst versehen sollten. Sehr oft waren es jedoch zwei Schichten a zwölf Stunden. Uns fehlte es an nichts, unsere Generatoren liefen Tag und Nacht, dadurch hatten wir elektrisches Licht und im Winter eine Heizung. In einer Sache jedoch ging es uns auch nicht besser, als den Krummessern, wir hatten auch nur ein „Plumpsklo“. Wir genossen unsere Pausen besonders am Nachmittag, weil dann die Dorfkinder kamen. Zuerst waren sie sehr zurückhaltend, das änderte sich jedoch schnell. Später waren sie sehr neugierig und wären am liebsten in den Richtwagen geklettert um zu sehen, was wir dort machte. Das ging jedoch nicht. Unser Standort war nicht eingezäunt, die einzigen elektrischen Zäune im Umfeld wurden von den Krummessern Bauern gesetzt um ihre Kühe auf den Weiden zu halten. Diese Zäune waren für uns eine Behinderung, weil sie den Funkverkehr störten. Da die Bauern jedoch viel älter waren als wir und wir uns mit ihnen gutstellen wollten, schwiegen wir und nahmen es so hin. Nachdem wir einige Male im Dorf essen gingen, Bekanntschaften schlossen und an Veranstaltungen teilnahmen, verschwand die Skepsis der Krummesser. Jetzt gehörten wir zu ihnen, plauderten gern etwas und wurden hin und wieder von ihnen verwöhnt. Blieben Sinn und Zweck unserer Anwesenheit auch geheim, wir wurden nach und nach heimisch. 

Mit einer kurzen Unterbrechung war ich fast 4 Jahre dort. Es war eine schöne Zeit. Wie viele meiner Kameraden habe ich auch ich eine Lübeckerin geheiratet und lebe heute, 2018, immer noch mit ihr zusammen. 

Wir versahen im Moor aber nur unseren Dienst. Unsere Unterkünfte waren in Lübeck. Anfangs lebten wir in der Zwinglistraße und in der Jürgen – Wullenwever – Straße. Zu Beginn der 1960er Jahre wurde eigens für uns in der Straße Strecknitzer Tannen, Ecke Blankenseer Straße, ein Reihenhauskomplex erbaut In unserer Freizeit erkundeten wir Lübeck und die Umgebung. 

Soweit die Erinnerung von Dave Black, den ich trotz seines reiferen Alters als einen sehr agilen und lebenslustigen Herrn kennenlernen durfte. 

 Durch die nicht Kasernen mäßige Unterbringung haben viele der ehemaligen Soldaten die Zeit in Lübeck als eine der schönsten Phasen ihres Lebens empfunden. Mit der von ihnen gegründeten „Lübeck Association“ sind sie in den Jahren 1987, 2000 und 2009 nach Lübeck zurückgekehrt, um alte Erinnerungen aufzufrischen. Wie sagte einer der „Spies that loved Lübeck“ (Spione, die Lübeck liebten) anlässlich der letzten Reunion 2009 in Lübeck: This will surely be the last reunion here, because even Americans grow older. (Dieses wird sicher die letzte Wiedervereinigung hier sein, da sogar Amerikaner älter werden). Ihre Website „www.lubeckers.com“ haben sie liebevoll und interessant gestaltet. 

Die Erinnerungen der Krummesser

Es war schon seltsam damals, so sagten mir einige Krummesser. 

Am Kriegsende 1945 kamen die Engländer nach Krummesse und blieben einige Jahre. Nun hatten wir uns gerade so eben aus der Not der Nachkriegsjahre herausgearbeitet und atmeten etwas auf, da schlich sich die Angst wieder ein. Denn genauso plötzlich wie einst die Engländer, kamen 1953 die Amerikaner. Zuerst bekamen wir es ja gar nicht so mit. Als die Nachricht sich jedoch im Dorf herumsprach, kam Ungläubigkeit, Unsicherheit, ja sogar etwas Angst auf. 

Was wollten die Amerikaner, warum kamen sie? 

Die Unsicherheit schürte jedoch auch das Gerüchtefeuer, so war es nicht verwunderlich, dass es in den Köpfen der Menschen nur so sein konnte, dass der Russe bei uns einmarschieren wollte. Es waren ja nur wenige Kilometer, die das Dorf von der Demarkationslinie trennten. Es konnte ja gut sein, dass die Russen sich nun doch das holen wollten, was ihnen 1945 versagt wurde. Damals sollte die Grenze ja bis zum Kanal ausgeweitet werden, wozu es zum Glück nicht kam. Waren die Amerikaner jetzt nur im Ort, um die Russen zurückzuschlagen, falls sie ein Vorrücken wagen würden? Man rechnete jeden Tag damit. Doch nichts geschah. Das haben wir nur den Amis zu verdanken, hieß es nun und man ging beruhigt wieder zum Alltag über. 

Dann waren es die Kinder, die der Neugierde nachgaben und sich in das Moor schlichen. Mulmig war ihnen schon, denn als sie noch ganz klein und manchmal nicht so folgsam waren, bekamen sie oft zu hören: wenn du nicht artig bist, kommt der schwarze Mann und holt dich. Und nun stand er vor ihnen. So schwarz, wie sie es sich immer vorstellten. Wenn er lächelte, waren strahlend weiße Zähne zu sehen, was noch bedrohlicher schien. Die Kleineren nahmen dann schon mal Reißaus und liefen so schnell sie konnten davon.Viele kamen jedoch zurück. Sie merkten, dass die Männer in Moor sehr nett waren und Schokolade, Kekse und Kaugummi verteilten. Selbst vor dem "schwarzen Mann" hatte keiner mehr Angst. Dieser schwarze Mann, Bob Gregor, war zu Hause in Amerika Lehrer. Er war sehr kinderlieb und freute sich über jeden kleinen Gast.  Zuerst erzählten die Kinder zu Hause nichts davon, hatten sie doch verboten bekommen, ins Moor zu gehen. In der Schule jedoch prahlten sie mit ihrem Mut, sie erzählten auch von der Schokolade und dem Kaugummi. Also kamen immer mehr Kinder ins Moor und hofften, auch etwas von den leckeren Dingen zu bekommen. Groß war die Enttäuschung, wenn kein Amerikaner zu sehen war, weil sie wieder mal in den Äther lauschten. 

Die Aufregung im Dorf hatte sich längst gelegt, was immer die Amerikaner im Moor auch machten, sie waren da und sie wurden "unsere Amerikaner". 

Wir Kinder der Zeit und die Älteren im Dorf erinnern sich noch daran, doch manchmal erntete ich bei meiner Recherche auch Unverständnis und Kopfschütteln, wenn ich sie erwähne. Ich träume wohl, höre ich, oder, Krummesse wurde von den Engländern besetzt, nicht von den Amerikanern. Auch bekomme ich zu hören: "Das was du meinst, war am Beidendorfer Weg und das waren keine Amerikaner“.

Das stimmt jedoch nur halb. Am Beidendorfer Weg, wo nach rechts der Feldweg "Gelber Sand" und nach links der Feldweg "Stegen" abgeht, war auch so etwas wie eine Abhörstation. Da war jedoch der Bundesgrenzschutz, der sich auch die Sende- und Empfangsleitung durch den hohen Grundwasserspiegel des Moores zunutze machte. 

Er installierte ab April 1956 – zuerst provisorisch – die Fernpeilanlage III (FPIII). Diese Anlage wurde dann später als winterfeste Peilhütte umgebaut und nahm im Oktober 1957 den Dienst auf. Von der Straße sah das Ganze wie ein Fort im Wilden Westen aus. 

Ich erinnere mich, dass es mir nie geheuer war, wenn wir im Sommer zu Fuß zum Baden nach Beidendorf gingen. Es war fremd und weil ich nicht wusste, was dort hinter dem Bretterzaun war, war es für mich beängstigend. Heute kann ich nicht mehr sagen, warum es so war. Damals habe ich schon meine Beine in die Hand genommen und bin, solange das Fort in Sichtweite war, mehr gelaufen als gegangen. 

Etwas über diese Männer und nähere Angaben zu deren Tätigkeit herauszubekommen war mir leider nicht möglich. Keiner wollte oder durfte mir etwas darüber sagen. Über diesem Objekt liegt immer noch der Mantel des Schweigens. Anders bei den Amerikanern, die haben schon vor Jahren die Geheimhaltung aufgehoben. 

Ein kleiner Nachtrag noch zu unseren Amerikanern

Im September 2018 trafen sich die letzten der Lübecker und Krummesser „Lauscher“ in San Diego. Es waren noch 29 Soldaten. 4 davon waren Krummesser. Zu diesem Anlass schickte das Dorf die Krummesser Fahne, das Buch „Bi uns to Hus“ und einige Kleinigkeiten. Ich legte diese Arbeit über unsere Spione dabei. Alles wurde mit großer Freude angenommen.