Holländerei

      Ein vergessener Berufszweig


Die Viezucht ist beträchtlich, und auf den adelichen Gütern sind eben so, wie in Holstein und Mecklenburg, die sogenannten Holländereyen gewöhnlich. Ein Viehpächter oder Holländer giebet für jede Kuh jährlich 5 bis 6 Rthl. Pacht.
(Erdbeschreibung von D. Anton Friedrich Büsching, Neunter Theil, Hamburg 1792)

2004 habe ich mit Herrn Joachim Memmert in Lübecker Beiträge zur Familiengeschichte- und Wappenkunde einen Aufsatz zu den "Berufsholländern auf Lübschen Gütern" veröffentlicht. Darin auch ab Seite 11 die bisher bekannten Krummesser Holländer. Aber was sind Holländer nun genau. Im Neunzehnten Jahrhundert, obwohl noch überall auf den Gütern gegenwärtig, war die Herkunft und Bedeutung dieser Berufsbezeichung nicht geklärt. So glaubte man diese Bezeichnung noch auf die Niederländischen Kolonisten des 12. Jahrhunderts zurückzuführen (s. Priv. Lauenburgische Anzeigen 4. April 1821).

Seit der Besiedelung des östlichen Schleswig-Holsteins, Lauenburgs und Mecklenburgs durch Deutsche diente die Landwirtschaft der Selbstversorgung der Bewohner. Erst als nach der Entdeckung Amerikas Reichtümer in die Alte Welt kamen und die Preise für land­­wirtschaftliche Produkte stiegen, begannen adelige Grundbesitzer damit, ihre Flächen intensiver zu nutzen und für den Markt zu erzeugen. Sie arrondierten ihre Ländereien, um aus der Feldgemeinschaft und dem Flurzwang herauszukommen; sie vergrößerten ihre Flächen durch Rodung der noch umfangreichen Wälder, indem sie Glashütten zuließen; sie zogen wüst gewordene Hufen, deren Bewohner durch Alter, Krankheiten, Seuchen oder Unglücksfälle ihre Höfe verließen, an sich und sie nutzten später ihre Machtstellung gelegentlich aus, um bäuerliche Wirtschaften zu legen, d.h. die Gebäude niederzulegen und die Bewohner zu vertreiben oder umzusiedeln.

Auf den entstehenden Hofwirtschaften der Guts- und Meierhöfe konnten die Grund­herren eine von den Hufnern weitgehend unabhängige Wirtschaft betreiben. Da es noch keine Frondienste gab, mußten die wachsenden Betriebe arbeitsextensiv genutzt werden. So kam die Gräsung und Fütterung von Ochsen auf. Die von den Bauern in den ärmeren Geestgebieten aufgezogenen Tiere wurden auf den Hofkoppeln
gehalten und im Herbst auf den bekannten Ochsenwegen zu den Märkten getrieben und verkauft. Die Ochsenmast war auch insofern wirtschaftlich, weil sie es zuließ, stets nur so viele Tiere zu kaufen, wie Flächen zur Gräsung vorhanden waren. Außerdem brauchte sich der Gutsherr nicht um die Unterbringung und Fütterung in der kalten Jahreszeit Gedanken zu machen.

Dies änderte sich jedoch allmählich, als die Milchviehwirtschaft aufkam. Hierauf haben eingewanderte sachkundige Niederländer erheblichen Einfluß ausgeübt. Aus ihrer Heimat im Zuge der Gegenreformation unter den Spaniern (Herzog Alba) vertrieben oder geflüchtet, wandten sie sich in die deutschen Länder, wo sie aufgrund ihrer handwerklichen, wasserbaulichen und viehwirtschaftlichen Kenntnisse gesuchte Partner waren. Sie sollen in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts ins Land gekommen sein. In den Elbmarschen, in Dithmarschen und vor allem in Eiderstedt sollen sie die Kühe größerer Bauernstellen gepachtet und die Milch weiterverarbeitet haben. Erst nach 1600 breiteten sich ihre Nachkommen nach Osten aus. Dort erschienen die ersten auf den Gutshöfen, so nachweislich im Jahre 1614 auf Rundhof in Angeln, 1634 bzw. 1637 auf Koselau und Rantzau in Ostholstein und 1657 in Gereby in Schwansen. Durch ihre Tätigkeit, ihre Sprache, Sitten und Gebräuche sowie ihr Bekenntnis als Reformierte und Calvinisten bildeten sie eine zunächst eng versippte Gemeinschaft. Allmählich wurde ihre Herkunftsbezeichnung zu ihrem Berufsnamen: Sie hießen allgemein Holländer.Unter ihrem Einfluß ging die Ochsenmast zurück und stieg die Kuhhaltung an. Dieser Übergang hatte mehrere Konsequenzen: Die Tiere mußten über Winter untergebracht und gefüttert werden, was dem Gutsherrn oblag. Daher besitzen manche Gutshöfe noch heute die große Kuhscheune, die unten dem Vieh und oben Heu und Stroh Platz bot. Die Weide- und Ackerflächen mußten auf etwa gleiche Größe geschnitten werden, damit die Herde konstante Futterverhältnisse antraf, denn sie konnte nicht beliebig vergrößert oder verkleinert werden, ohne den Ertrag zu gefährden. Die Holländer wurden zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor auf den Gütern, denn sie trugen bis zu 40% zu den Einnahmen bei.

In der Regel lief der Pachtvertrag ein Jahr, von Maitag bis Maitag (1. Mai). Er konnte von beiden Seiten gekündigt, konnte aber auch (und das mitunter viele Jahre) verlängert werden. Manche Meierhöfe wurden im Ganzen verpachtet, wobei die Dauer zwischen sieben und zehn Jahren lag. Dann hieß der Pächter in der Regel Pensionär, weil er dem Gutsherrn eine feste Pachtsumme zahlte. Der Pächter war dann Acker- und Viehpächter in einer Person. Er konnte die Milchwirtschaft selbst führen oder an einen Holländer unter(after)verpachten.

Der Pachtvertrag regelte Rechte und Pflichten der Partner. Der Gutsherr stellte das Wohn- und Arbeitsgebäude, die Herde, die jährlich wechselnden Weideflächen im Zuge einer Siebenfelderwirtschaft sowie Brenn- und Nutzholz. Der Holländer wirtschaftete auf eigene Rechnung, d.h. er verkaufte seine Erzeugnisse und zahlte davon die Pacht, die pro Kopf der Herde festgelegt war. Die Pacht war in Raten i.d.R. am Maitag, zu Jacobi (24.7.) und zu Martini (11.11.) fällig. Gegen Ende des 17. Jhdts. betrug die Pacht 5 bis 7 Taler, sie stieg im Laufe des 18. Jhdts. auf 10 bis 11 Taler an. Der Holländer brachte seine Geräte, die fast alle aus Holz waren, mit. Für die Ergänzung des Bestandes an Eimern, Sieben, Bütten, Baljen, Tonnen u.v.a. sorgte er selbst oder ein Böttcher. Der Holländer stellte auch sein Personal (Mädchen, junge Frauen und Knechte) ein, das meist aus den umliegenden Gutsdörfern kam.

Der angehende Holländer erwarb seine Kenntnisse zunächst im elterlichen, später dann in einem oder mehreren fremden Betrieben. Um die Mitte des 18. Jhdts. konnten die meisten Holländersöhne lesen und schreiben. Viele arbeiteten zeitweise als Schreiber auf Gutshöfen. Während dieser Zeiten sparten sie an einem Grundstock für die erste eigene Pachtung. Holländertöchter dienten als Melkmädchen, erlernten die Hauswirt­schaft und standen –wenn möglich- als Meierin dem Innenbetrieb vor. Auch sie legten Teile ihres Lohnes auf die hohe Kante. Mit 25 Jahren wurde der junge Mann geschäftsfähig, hatte oder suchte sich eine Braut und sah sich nach einer eigenen Stelle um. Diese war gewöhnlich eher bescheiden, aber doch mit mindestens 50 Milchkühen so groß, daß das Paar davon leben und expandieren konnte. Man rechnete 1 bis 2 Tonnen Weide­fläche für eine Kuh.  Heute entsprechen 2 Tonnen etwa einem Hektar Land. Die Kopf­zahl der Herden richtete sich nach der Größe des Gutes. Die meisten Betriebe konnten 100 bis 200 Tiere ernähren. Es gab aber auch Herden von 450, 500, ja 600 Köpfen.

Der Holländer war für den Außenbetrieb zuständig, seine Frau für alles, was im und um das Haus geschah. Er verhandelte mit dem Verpächter, dem Verwalter, dem Butter- und Käsehändler, dem Fuhrmann usw., er beaufsichtigte das Melken und den Transport der Milch, er betreute die Herde, wobei er vom Holländerknecht und ggfs. Hirten unterstützt wurde. Die Holländerin stand dem Innenbetrieb vor, führte den Milch-, Butter- und Käsekeller, rahmte die Sahne ab und beaufsichtigte das Buttern, das Käsen, die Küche und das Reinigen der Gerätschaften. Nicht zuletzt war sie Ehefrau und Mutter, was sie bei einer Geburtenfolge von etwa zwei bis drei Jahren allein schon ausfüllen konnte.

Im Sommer und Herbst, wenn der Milchertrag am höchsten war, wurden alle Hände gebraucht. Zum Melken ging es früh um 4 Uhr heraus, damit die Milch noch vor der Tageswärme in den kühlen Milchkeller kam. Am Nachmittag wurde ein zweites Mal gemolken, dann hieß es, alle Vorbereitungen für den nächsten Tag zu treffen. Danach brauchte jedermann Ruhe, denn die Tiere gaben alltags und sonntags den Rhythmus vor. Erst nach dem Aufstallen der Kühe kehrte mehr Ruhe ein.

Die erheblichen Anstrengungen, die eine Holländerei erforderte, zahlten sich in vielen Fällen aus. Sofern nicht kriegerische Handlungen, Dürren, Überschwemmungen auch Tierseuchen eintraten, oder Krankheiten und Tod die Familie heimsuchten, hatten die Holländer ein gutes Auskommen. Ihre hervorgehobene Stellung veranlaßte viele Pastoren, ihnen in ihren Kirchenbüchern die Anrede "Herr" oder "Frau" voranzustellen, die sonst nur den gehobenen Ständen zukam. Der wirtschaftliche Erfolg hing wie über­all von geringerer oder größerer Tüchtigkeit ab, auch vom Kapitalbesitz (vom Holländervater oder der Mitgift der Holländerin). So sind einerseits Holländer als Hypotheken- und Kommunalgläubiger bekannt geworden, einige waren sogar in der Lage um 1800 Meyerhöfe zu erwerben, andererseits kommen Holländer auch als Vergleichs- und Konkursschuldner vor.

Die Milchkühe standen etwa 10 Jahr in der Herde. Mit drei Jahren kalbten sie zum ersten Mal. Jedes Jahr wurde ein Zehntel der Herde ausgeschossen, d.h. aus der Herde ausgesondert, meist wohl geschlachtet, und durch junge Tiere ersetzt. Erstaunlich für uns ist, daß die Holländer keine Tierzucht betrieben, sich also nicht um eine Steigerung der Milchleistung bemühten. Vielmehr kamen die Kälber alsbald zu Bauern, die die Aufzucht versahen, und wurden später beliebig an die Güter verkauft. Der Holländer hatte auch nichts mit der Heuernte und der Winterfütterung der Herde zu tun. Da es noch keine Futterrüben oder anderes Kraftfutter gab, fütterte man die Tiere mit Heu und Stroh so lange der Vorrat reichte.

Der Höhepunkt der wirtschaftlichen Entwicklung der Holländereien lag um die Mitte des 18. Jhdts. Danach ging ihre Bedeutung zurück, weil aufgeklärte Grundbesitzer begannen, ihre Höfe aufzusiedeln und an die Hufner und ihre nachgeborenen Söhne zu vererbpachten. Auch führten Konflikte zwischen Holländern und Ackerpächtern dazu, die Führung von Meierhöfen wieder in einer Person zu vereinigen. So wurde die Zahl der Holländerbetriebe langsam weniger. Die unruhigen napoleonischen Zeiten mit Kontinentalsperre und Truppendurchzügen führten zu manchem Konkurs von Guts­besitzern, aber auch von Holländern. Schließlich wurde die Leibeigenschaft aufgehoben, und ab der Mitte des 19. Jhdts. schlossen sich Bauern zu Meierei­genossen­schaften zusammen, um mit höherem Kapitaleinsatz die schwere körperliche Arbeit zu ersetzen. Heute erinnern nur noch wenige Gebäude und einige Straßennamen an die vergangenen Holländereien.

In Lübeck traten um 1620 die ersten Holländer auf. Diese Angabe von Schmidt spricht dafür, dass die Stadt Lübeck mit ihrem Milchwirtschaftlich orientierten Umland zu den ersten Anlaufpunkten der Holländer gehörte.

Die Holländereiwirtschaft  auf dem Krummesser Hof beginnt im Vergleich zu den Nachbargütern Verhälnismäßig spät. Erst ab 1720 ist ein Holländer für das Krummesser Gut überliefert. Bei den Nachbargütern setzt diese Art der Viehwirtschaft schon rund 50 Jahre früher ein. Die Holländerei wurde vermutlich mit dem Meierhof Niemark zusammenbetrieben, so wie beide Höfe noch bis 1796 auch gemeinsam verpachtet wurden. 1757 standen auf Krummesse 70, auf Niemark 60 Kühe. Während der Viehseuche 1766 verlor die Herde in Krummesse 13 von 17 Kühen, auf Niemark starben 64 von 80 Kühen. Aber noch schlimmer kommt es 1767. Pächter Horst schreibt:" bey dem kranken Vieh auf der Koppel muß ich nun im Winther eynen Mann halten, der das todte Kadaverzeug verrodt. Es kostet mich dieser Mann 4 Mark die Woche. Vergangene Woche sind mir 64 Stück Vieh verfallen." 1785 standen wieder 74 in Krummesse und 60 Stück Vieh in Niemark.

Schon 1628 verpachtete der Krummesser Gutsherr von Brömbsen seine Weiden und Stoppelfelder an Hartwich Bokel (s. Gut). In diesem Pachtvertrag wird gesagt, dass sein Gesinde und die Molken im Bergfried wohnen sollen.

1795 gab es in Niemark ein eigenes Holländreigebäude. 1864 wird das Holländereigebäude erweitert.

Die Liste der Holländer auf Krummesse und Niemark nach gesicherter Pachtdauer:

 

1720/23   Petersen, Cornelius

1724/25   Sebelin, Jochim

1726/29   Reher, Matias

1730/35   Dose, Friedrich

1735/36   Sievers, Matthias

1750/56   Davids, Daniel

1760/87   Jansen, Jürgen Otto + Jansen, Hinrich Adolph

1777/78   Knaack, Johannes Heinrich Herman

1786/87   Jansen Johann Conrad

1788/93   Carsten, Johann Friedrich Ernst

1803/04   Jansen, Hinrich Adolf

1808/12   Callisen, Nicolaus Hinrich

1814/15   Kusse, Hinrich Johann

1815/16   Köhn, Friedrich

1816/17   Köhn, Johann

1819/24   Abraham, Hans Friedrich

1821/25   Clasen, Friedrich

1832/33   Brinke, Johann Georg

1864/77   Dieckelmann, Johann Friedrich Carl

1882/83   Dechow, Johann Heinrich Thomas

1894/99   Ahrens, Hinrich Wilhelm Alexander

Meierei in Krummesse

1903-1938

Meierei 1903-1938

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