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Schreckensnacht

von Pastor Martin Fischer-Hübner

überarbeitet und ergänzt von Guido Weinberger

Titel  "Gründlicher Bericht ..." von 1609
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Über diesen brisanten und schon damals als brutal empfundenden Akt, wurde bereits 1609 in gedruckter Form berichtet. (s. Gründlicher Bericht Auff Der vereinigten Teutschen HanseStedte vermeynte Verantwortung/etc. Und Fliegenwedel/ Vor etliche derselben HanseStedte newlicher zeit außgeflogene Tolle Hummeln unnd Hundsmücken. Helmstedt 1609, gedruckt Lübeck Hans Witten/ in Verlegung Samuel Jauchen). Hierin auch das Zeugenverhör der befragten Krummesser Bauern und beteiligten Soldaten (s. S. 33 ff).

 

Zur Vorgeschichte s. 16. Jhdt.



Eine Schreckensnacht in Krummesse
Von P. Fischer-Hübner

Die Krummesser in Nordlauenburg wissen ein Lied davon zu singen, geht doch die lauenburgisch-lübsche Scheide mitten durchs Dorf. Niemals aber war wohl der Grenzstreit erbitterter als in jener Zeit um 1600, als Herzog Franz II. bestrebt war, nicht nur die verworrenen lauenburgischen Verhältnisse zu ordnen, sondern auch verlorenes altlauenburgisches Eigentum zurückzugewinnen. Da gegen Ende des 16. Jahrhunderts die Familie Krummesse ausstarb, machte er das Rückkaufsrecht geltend und rechnete das Dorf ganz als lauenburgisch und unter seinem Gericht stehend. Als sich die Besitzerin des Gutes, Frau Margarete von Stiten, unerschrocken wie sie war, Gewaltmaßnahmen des Herzogs nicht gefallen ließ, sondern als Lübeckerin bei dem Rat der Hansestadt Schutz suchte, beeilte sich dieser, ihr mit militärischer Gewalt zum ungestörten Besitz ihres Hofes zu verhelfen. Jahrelang ging der Streit hin und her, bis der Herzog auf den alten, festen Kirchturm von Krummesse ein Geschütz bringen ließ. Man sah lübscherseits darin eine Entweihung des Gotteshauses, vergaß aber dabei, daß auf dem Turm St. Nicolai in Mölln, das damals an Lübeck verpfändet war, auch Geschütze standen. Margarete von Stiten wußte den Rat zu bewegen, einen ihr untertänigen Bauer - Schünemann - aus dem Hause jagen zu lassen. Damit die lübschen Reiter dabei ungestört waren, besetzten sie den Kirchhof, den Glockenturm und die Küsterei, so daß nicht Sturm geläutet werden konnte. Als Herzog Franz II. den ihm ergebenen Bauer wieder einsetzte, antwortete Lübeck mit einem zweiten Überfall, wobei außer Schünemanns Gehöft auch Krackes Haus berannt wurde. Dabei fiel ein Schuß, ein Reiter stürzte tot zu Boden, während die andern "das Hasenpanier wieder nach Lübeck aufwarfen". Auf Kracke blieb der Verdacht sitzen, der Mörder des Reiters gewesen zu sein, besaß er doch Rüstung und Gewehre.

Jetzt fühlte sich Frau von Stiten auf ihrem Hof nicht mehr sicher. Die Rohre auf dem Kirchturm und die Gewehre der Bauern drohten jeden Augenblick, ihre Herrschaft auf dem Gute zu stören. Auf ihren Bericht und auf die Meldung vom Tod eines Reiters glaubte der Rat, den Herzog und die Bauern empfindlich züchtigen zu müssen.

Der Lübsche Hauptmann, Marten von Wesenberg, in seiner Jugend ein armseliger Zimmermann, erhielt den Befehl, Krummesse zu bestrafen. "Es wird sich bald ein frischer Tanz begeben", sagte er am Biertisch zu zwei Trompetern, die er für diesen Zweck anwarb.

Am Nachmittag des 31. Oktobers 1608 ließ er seine Soldaten schwören, ihm im Ernstfall zu folgen im Leben wie im Tod. Er selbst führte die Soldaten durch das Holstentor über den Wall, während die Reiter durchs Mühlentor die Stadt verlassen. Etwa 400 Mann, auch bewaffnete Bürger und 12 Zimmerleute gehen bei Moisling über die Fähre. Erst jetzt entwickelt der Befehlshaber seinen Kriegsplan gegen Krummesse. Genau um Mitternacht erreichen sie das Dorf, ohne von irgend jemand bemerkt zu werden.

Es ist stockdunkle Nacht. Bauern und Knechte schlafen. Niemand ahnt Unheil. Da bricht ein Höllenlärm los. Die Zimmerleute schlagen gegen die Tür des Schünemannschen Hauses. "Ach Gott, ach Gott!" schreit die Hausfrau, die solchen Überfall schon mehrfach erlebt hat, während der Bauer zum Grobschmied flüchtet, in die Bettdecke gehüllt, und sich versteckt. Die auf die Diele seines Hauses eindringenden Soldaten suchen ihn. "Wo ist dein Vater?" herrschen sie den zwölfjährigen Buben an, der erschrocken jammert: "Nach Ratzeburg verreiset". Der jüngste, 7 Jahre alte Sohn aber gesteht, sein Vater habe sich im Backofen verkrochen. Schrecklich klingt das Wehklagen der Knaben, die man über das brennende Stroh hielt, um eine Aussage zu erpressen, und der gellende Schrei der Mutter. Nun wird Pulver entzündet und Haus und Backofen eingeäschert. Kein Stein blieb auf dem andern. Den Bauer fand man nicht. Ob man auch seinem Weibe, das mit einem Kindlein auf einem Stuhl gesessen, zweimal einen Strick um den Hals geworfen und bei den Haaren zu Boden gerissen, sie hatte den Mann nicht verraten. Aus Wut aber hatten die Soldaten alles Eßbare, Mobilien, Kleider und Geräte geraubt. Die Pferde, Ochsen, Kühe, Schweine, Kälber, Gänse, Hühner verbrannten mit Brüllen und Klagen elend in der Feuersbrunst.

Unter dem Hohngeschrei: "Sieh nun, Bauer," stürmten die Räuber mit Feuerbränden auf den Spießen zum Kirchhof, wo der Hauptmann mit seinen Soldaten stand. Die Zimmerleute schlugen die Kirchtür am Altarraum auf und die Schlösser ab. In das Heiligtum stürmten die Wilden, schossen durch das Wappenfenster in der Mitte hinter dem Altar, das Franz I. gestiftet, und zerschlugen so den Helmdeckel des herzoglichen Wappens. Dann erbrachen sie Tür und Schloß des Turms, stürmten die Treppen hinauf; die doppelten Haken (Geschütz) wurden losgeschossen und heruntergeworfen, die z. T. hernach nach Lübeck geführt wurden. Auf der Schwelle am Altare entluden einige Tempelschänder "den Unflat ihres Leibes" und steckten einen Fleischspieß hindurch.

Nach solchen Heldentaten lief die Soldateska zur Schmiede und brach mit Gebrüll durch Türen und Fenster, die zerschlagen wurden. Dabei gingen auch zwei Tafelfenster mit Wappen in der Wohnstube in Scherben. Das ganze Haus wurde beschossen und ausgeraubt, selbst die darin mitwohnenden Almosenempfänger wurden nicht verschont. Am meisten aber litt die hochschwangere Ehefrau des Grobschmieds, die, von den Soldaten verfolgt, über einen Hofzaun flüchtete, und als sie um ein Laken bat, ausgelacht und angefahren wurde: "Du Hure, packe dich hinweg!" Sie litt noch lange an Schwermut, so daß sie nicht vereidigt werden konnte, als sie später als Zeugin vernommen wurde.

Endlich stattete man noch dem abwesenden Bauern Kracke einen nächtlichen Besuch ab. 8 mit adligen und bürgerlichen Wappen versehene Fensterscheiben im Vorhaus samt "viel Rauten", desgleichen 6 in der Stube, schlug man heraus, nachdem die Soldaten die Türen mit Äxten bearbeitet und mit Spießen gestoßen, ohne Eingang zu finden. Durch die zerschlagenen Fenster drangen sie ins Haus und in die kleine Stube ein. Einer schrie: "Allhie ist der Schelm, der Mörder," ein anderer schoß neben der Hausfrau auf den Boden. Geraubt wurde alles, was man brauchen konnte: Geld, Kleider, Leinen, Lebensmittel, so daß hernach der Bauer sich und seine Familie nicht kleiden konnte.

Unterdessen hatte das Gros mit "Musqueten und Lunten" auf dem Kirchhof, beim Pfarrhause und auf der Straße gehalten. Die Pferde stampften auf den Gräbern der Toten, und das rohe Gelächter der Übermütigen übertönte das Wehklagen der mit einem Schlage um Haus und Nahrung gebrachten Familien.

Lübeck hatte Rache an Herzog und Bauernschaft, ja an den Dorfarmen genommen, Frauen und Kinder, ja selbst das Heiligtum der Kirche nicht geschont; nun sammelte der Hauptmann seine Reiter und Fußsoldaten. Unter dem Geschmetter der Trompeten und dem Gebrüll von Spottliedern marschierte man ab und hielt am Morgen des 1. Novembers triumphierend Einzug durch das Mühlentor der Hansestadt, deren Rat sich freute, dem Lauenburger eins ausgewischt zu haben.

Wenn aber die Krummesser jetzt glaubten, Ruhe zu haben, so waren sie im Irrtum. Pastor Caspar Beneke jedenfalls schlief in den nächsten Nächten den Schlaf des Gerechten, auch sein Weib und seine Kinder, als am Donnerstag nach dem Überfall heftig an seine Haustür geschlagen wurde. Da stand Hans Hacke und rief: "Feuer!" Lichterloh brannte das Pfarrhaus. Von dem Lärm erwacht, sprangen Frau und Kinder aus den Betten. Der Pastor griff nach der Bibel und einigen Büchern und eilte mit den Seinen, nur das nackte Leben rettend, aus dem Hause. Da sprangen die Funken auch schon zum Kirchturm hinüber und auf Hans Bahres Strohdach. Bis auf die Mauern brannte der Turm nieder. 3 Glocken, zerschmelzend, stürzten herunter, ebenso die Spitze des Turms, die sich in die Gräber der Toten bohrte. 2 Kelche, die der Pastor neulich aus der Kirche in die Pfarre genommen, um sie vor den Räubern zu retten, zerschmolzen zum Teil im brennenden Pfarrhause, das ebenso wie Bahres Haus völlig abbrannte.

Der Herzog verklagte Lübeck wegen Landfriedensbruchs, während Lübeck die Sache der Frau von Stiten und seine Rechte auf Krummesse verteidigte. Gesühnt wurde der offenbare Landfriedensbruch nicht. Frau von Stiten, jene "unartige Bürgerin", und der Herzog starben darüber hin ... Später wurde die Rechtsfrage wegen des Hofes des lübschen Adels zugunsten Lübecks entschieden.

Man kann indessen noch mancherlei nebenher aus der im Lübecker Stadtarchiv "Sachsen-Lauenburg Vol. V" aufbewahrten, dicken Prozeßakte entnehmen.

Man lernt eine Anzahl der Dorfbewohner, die herzogtreu erscheinen, näher kennen, den 33 Jahre alten Pastor Caspar Beneke, der Weib und Kinder hat, vor allem die Bibel aus dem Brande rettet und keinen Gottesdienst halten kann, weil Chorrock und Mantel verbrannt sind; dann den Küster, den 25 Jahre alten Arend Deding, der den Schlüssel zum Turm verwahrt und vom Kuhstallfenster aus Zeuge der Verwüstung des Friedhofs wird; den Bauern Hans Scheunemann (Schünemann), über 60 Jahre alt, Vater einer verlobten Tochter, der alles "Geräte" geraubt wird, zweier Knaben, 12 und 7 Jahre alt, und eines kleinen Kindes; den Bauern Hans Sehmann, Marcus Sehmann und Heinrich Sehmann, alle drei je 40 Jahre alt; den Grobschmied Hans Bergmann und seine Ehefrau Engel Vollers, beide 30 Jahre alt; Georg Hacke, 50 Jahre alt, der durch seinen Weckruf die Pastorsfamilie vor dem Feuertode rettet; Gerlach Biltzing, 60 Jahre alt; den 50 Jahre alten Bauer Hans Bahre, dessen Haus abgebrannt; den reichen Bauer Franz Kracke und dessen Ehefrau Anna Witfelts, ER 40, SIE 30 Jahre alt, der im Verdacht des Mordes steht und alles verliert; den über 40 Jahre alten Philipp Löber; endlich einen Alten und die an "Gemütsblödigkeit" leidende, über 40 Jahre alte Catarina Gilgas, beide Ortsarme, die beim Grobschmied wohnen.

Man erfährt auch, was damals eine solche Ortsarme an Sachen besaß. In ihrem Kasten, den die Soldaten auf der Straße aufspalteten, verwahrte sie: 1 Heucke, Wandrock, Decke, Bettlaken, 5 Schürztücher, 3 Krausen, 1 paar Überhemden, 1 Wandesbruststück, was ihr "gestohlen" wurde.

Was dagegen gehörte zum Inventar der Frau des Grobschmieds? 1 Frauen-Heucken, daran ein silbern Geschmeide verguldet, 3 Tlr. wert! 2 wandgefaldene Rocke, 6 Bettlaken, 6 Kussenbuhren, 3 Bunde Handquellen, 4 Frauenhemden, 4 Schurztücher, 6 Krausen, 3 Stuhlkissen, 4 Tischlaken, Bruststück u. a. Zeug; ferner: 5 große, 1 kleine zinnerne Schüssel, 2 zinnerne Quartierkannen, 1 großer Krug mit zinnernem Deckel, 3 Kessel, 1 großer Grapen, ein kleiner zinnerner Salzir. 4 M. an Silbergroschen nahmen die Soldaten außerdem mit.

Am wohlhabendsten war der wehrhafte Bauer Franz Kracke. Nicht weniger als 14 Fensterscheiben, Geschenke adliger und bürgerlicher Personen, schmückten Vorhaus und Stube. Er besaß an Waffen: 1 Sturmhaube mit Wappen der Herzogin, 1 Karabiner, 1 Rappier, 1 Sattel und Zaun; an Hausgeräten: 12 silberne Löffel, 20 mess. Grapen, 3 kupf. Kessel, 1 mess. Handfaß, 2 große Messingbecken, 8 große zinnerne Schüssel (in der Stube), 1 mess. Krone, 4 mess. Tafelkränze, 9 große zinnerne Schüssel, 10 gemeine Teller, 2 große, 2 kleine zinnerne Schalen, 9 stubichen Kannen von der Bort im Hause, 16 gemeine Schüssel aus der Küche, außerdem 8 halbe stubichen Kannen, 9 Quartierkannen, 2 Planken, 4 zinnerne Salzir, eine Axe. Man kann sich auch ein Bild von seiner und seiner Frau Kleidung machen, wenn man das von ihm aufgestellte Verzeichnis des Geraubten durchgeht: 1 Tripen Wammes, 1 paar englische Buxes mit Schnüren besetzet, 1 paar gestrickte Strümpfe, 2 englische Frauenröcke mit Triep besetzt, eine sammet mit Schnüren besetzte Frauenhülle, ein neuer Kinderhut, 4 paar flechsen Bettlaken von 3 Breiten, 5 paar Heiden in flechsen Bettlaken, 6 getrollete Tischtücher, vier flechsen, 6 Heiden Tischtücher, 12 Manneshemden, 10 Ober- und nieder Frauenhemden, 12 Manneskrausen, 10 Frauenhalstücher, 10 flechsen, 5 Heiden Frauen Schurztücher, 10 Handquelen, 8 Bettkissenbuhren, 10 Tücher, 3 paar Wiegenlaken, 4 Kinderhemden, 4 Krausen, 4 Stuhlkissen und flämische Bühren, 24 Ellen zu 6 Quartier Kleinkragen Leinwand. An Geld verlor er 40 Rtlr., 2 doppelte, 3 einfache ungarische Dukaten, 30 M. Biergeld, 6 Mark Lüb. Pf., Kirchengeld! An Viktualien: 20 Seiten Speck, Rinderwurst von 4 Ochsen, 2 Schock Hering. Kracke war ohne Zweifel ein reicher Mann, der nun mit einem Schlage verarmte.


Schließlich erfährt man Neues von der Kirche. Im mittleren, großen Fenster hinter dem Altare befand sich eine mit dem Namen des Herzogs Franz I. versehene gestiftete Fensterscheibe. Im Turm hingen 3 Glocken, in der Kirche verwahrte man 2 Kelche. In der Schreckenswoche des Novembers 1608 gingen neben dem mit einer Spitze versehenen Turm die Glocken, die Fensterscheibe und die Kelche zum Teil verloren. Außerdem brannte das Pfarrhaus nieder, wo der Brand in der Abseite nach der Stecknitz zu ausgekommen war. Man vermutete als Brandstifter einen Lübecker. Der Pastor trug, wie heute noch die Lübecker Pastoren, Chorrock und Mantel.

beim Kreuz rechts von der Kirche der Hinweis zu dem erschossenen Ratsdiener am 5. Aug. 1608
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